Gedanken über Zeitgenössische Kunst
Die Kunst wird heute mit aller Gewalt ins Korsett des Gefällt-mir eingezwängt…
Diese Kultur der Gefälligkeit hat viele Ursachen. Die geht zunächst auf die Ökonomisierung und Kommodifizierung der Kultur zurück. Die Kulturprodukte geraten immer stärker unter den Zwang des Konsums. Sie müssen eine Form annehmen, die sie konsumierbar, das heißt gefällig macht. Diese Ökonomisierung der Kultur geht mit einer Kulturalisierung der Ökonomie einher. Konsumgüter werden mit kulturellem Mehrwert versehen. Sie versprechen kulturelle, ästhetische Erlebnisse. So wird das Design wichtiger als der Gebrauchswert. Die Konsumsphäre dringt in die Kunstsphäre. Konsumgüter präsentieren sich als Kunstwerke. Dadurch vermischen sich Kunst- und Konsumsphäre, was zur Folge hat, dass nun die Kunst sich ihrerseits der Konsumästhetik bedient. Sie wird gefällig…
Als die Kunstsphäre, scharf getrennt von der Konsumsphäre, noch ihrer eigenen Logik folgte, erwartete man von ihr keine Gefälligkeit. Künstler hielten sich vom Kommerz fern. Adornos Diktum, die Kunst ist die „Fremdheit zur Welt“, hatte noch seine Gültigkeit.
Die Wohlfühlkunst ist demnach ein Widerspruch. Die Kunst muss befremden, stören, verstören, ja auch schmerzen können. Sie hält sich anderswo auf. Sie ist zu Hause im Fremden. Gerade die Fremdheit macht die Aura des Kunstwerkes aus. Der Schmerz ist der Riss, durch den das ganz Andere Einzug hält. Gerade die Negativität des Anderen befähigt die Kunst zu einem Gegennarrativ zur herrschenden Ordnung. Die Gefälligkeit setzt das Gleiche fort.
Die Gänsehaut ist, so Adorno, das „erste ästhetische Bild“. Sie bringt den Einbruch des Anderen zum Ausdruck. Das Bewusstsein, das nicht erschaudern mag, ist ein verdinglichtes. Es ist unfähig zur Erfahrung, denn diese ist „in ihrem Wesen der Schmerz, in dem das wesenhafte Anderssein des Seienden gegenüber dem Gewohnten sich enthüllt“. Auch das Leben, das jeden Schmerz ablehnt, ist ein verdinglichtes. Allein das „vom Anderen Angerührtsein“ erhält das Leben lebendig. Sonst bleibt es in der Hölle des Gleichen gefangen.
Aus:
Palliativ Gesellschaft: Schmerz heute (Fröhliche Wissenschaft)
von Byung-Chuk Han